Auf Spurensuche in Texten

von links nach rechts: Christina Rohwetter, Loris Zambon, Mónica García Vicente. © Dorit Schulze

Mit seiner Novelle Carmen hat der französische Schriftsteller Prosper Mérimée eine der berühmtesten Femme Fatale geschaffen. Im Fin de Siècle ist die Femme Fatale in ihrer Freiheitsliebe und fordernden Sinnlichkeit das Gegenbild zum bürgerlichen Modell der untergeordneten monogamen Ehefrau und Mutter ohne eigene sexuelle Bedürfnisse. Ein Mythos, der die Ängste und Sehnsüchte einer Epoche am Beginn der Moderne spiegelt und damals wie heute von weiblicher Degradierung und Selbstermächtigung erzählt.

Für mich ist Carmen vor allem eine Frau, die sich über alle gesellschaftlichen Zuschreibungen hinwegsetzt und jeden Rahmen sprengt: Geschlechterrollen, Liebesmoral, Identität, Nationalität, sozialer Status – das sind Konstrukte, von denen sie völlig frei ist und die sie dennoch spielerisch beherrscht, wenn es ihr nutzt. In dieser Auflehnung erinnert mich Carmen an die französische Schriftstellerin Virginie Despentes, die als „Proletin der Weiblichkeit“ mit aller gebotenen Wut und Zärtlichkeit für die Ausgegrenzten und Unangepassten schreibt.

In Hablando de Carmen gibt es diese Wut und diese Zärtlichkeit, die Affirmation und den Selbstzweifel, die Suche nach Zugehörigkeit und nach Autonomie…

Christina Rohwetter

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Die Mägde

Es gibt eine kurze Szene in „Hablando de Carmen“, in der die Tänzer*innen gekleidet sind wie die zu Gebärmaschinen versklavten „Mägde“ der amerikanischen Serie „The Handmaid’s Tale“, die auf dem gleichnamigen Roman von Margaret Atwood aus dem Jahr 1985 basiert.

Das Foto ist ganz aktuell. Es zeigt Frauen, die in Warschau gegen US-Präsident Donald Trump demonstrieren. / picture alliance

https://www.cicero.de/kultur/protest-gegen-rechtspopulismus-der-aufstand-der-maegde

„Ich stehe von meinem Stuhl auf und schiebe die Füße vorwärts ins Sonnenlicht, in ihren roten Schuhen, die keine Tanzschuhe sind, sondern flache Absätze haben, weil das besser für die Wirbelsäule ist. Die roten Handschuhe liegen auf dem Bett. Ich nehme sie und streife sie über die Hände, Finger für Finger. Alles, außer den Flügeln, die mein Gesicht umgeben, ist rot: die Farbe des Bluts, die uns kennzeichnet. Der Rock ist knöchellang, weit, zu einer flachen Passe gerafft, die sich über die Brüste spannt.; die Ärmel sind weit. Die weißen Flügel sind ebenfalls vorgeschrieben: Sie sollen uns am Sehen hindern, aber auch am Gesehenwerden.“ (Margaret Atwood, Der Report der Magd. Roman. Aus dem kanadischen Englisch von Helga Pfetsch, München: Piper 2017, S. 16f.)

Erfahrungen mit Carmen

Mónica García Vicente

„Ich will über Carmen sprechen. Als Spanierin und Tänzerin werde ich selbst immer wieder mit den Carmen-Klischees in Verbindung gebracht, manchmal sogar identifiziert: Femme Fatale, Flamenco, Stierkampf. Ich will mich mit den Klischees und Mythen, die der Kunstfigur Carmen bis heute anhaften, künstlerisch auseinandersetzen. Dabei geht es mir nicht darum, eine neue Version der Carmen-Geschichte zu erzählen. Im Gegenteil. Ich möchte mich möglichst weit vom Mythos entfernen, um eine Frau sichtbar werden zu lassen, die von Fantasien und Vorurteilen über ihre Person bedrängt wird und gegen diese Zuschreibungen rebelliert. In Hablando de Carmen entwickelt Carmen eine eigene vielstimmige und vielgestaltige Sprache. Eine Sprache in Gesten, Klängen und Worten. Tanz, Musik und Text sind eigenständige Elemente der Choreographie. Sie treten auf der Bühne miteinander in einen Dialog, an dem sich auch der einzelne Mensch im Publikum durch seine Gefühle, Gedanken und individuellen Deutungen beteiligen soll. Mit Hablando de Carmen möchte ich einen Raum eröf fnen für eine Reflexion über existentielle Menschheitsthemen, über Liebe und Sexualität, Leben und Tod und über die Freiheit.“ (Mónica García Vicente)

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Liebe, Freiheit, Tod

Hier proben wir im Ballettsaal des Opernhauses eine Szene zu Formen der Liebe. Carmen hat andere Vorstellungen von der Liebe als die herrschende Klasse. Vielleicht hat sie auch gar keine festen Vorstellungen von Liebe, Männlichkeit, Weiblichkeit und Identität. Vielleicht braucht sie keine Konzepte, um sie selbst zu sein. Diese Freiheit stellt freilich eine Bedrohung der herrschenden männlichen Ordnung dar. Deshalb muss Carmen sterben.

© Dorit Schulze

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